Ein Neuanfang ist möglich

Drogenabhängige Weissrussland

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so alt werde“, lacht Julia Pishchala, Leiterin des Reha-Zentrums von TOS Dienste International e.V. in Svetlagorsk, die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feierte. Ihr Leben ist die Geschichte einer radikalen Kehrtwende von Abhängigkeit und Perspektivlosigkeit hin zu einem sinnerfüllten Leben ohne Drogen. Hier erzählt sie im Interview...

Julia, du bist seit 2003 Mitarbeiterin im Reha-Zentrum. Und du hast zuvor selbst erfolgreich eine Drogentherapie dort gemacht. Wenn dich jemand vor 25 Jahren gefragt hätte, was aus deinem Leben wird, was hättest du geantwortet?  

‘Aus meinem Leben wird überhaupt nichts’, wäre meine Antwort gewesen. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits seit acht Jahren drogenabhängig und wusste, dass ich davon nicht loskomme. Mir war klar, dass ich wahrscheinlich entweder sterbe oder im Gefängnis lande.  

Es gibt immer eine Geschichte hinter der Sucht. Was war deine?  

Ich wuchs in Svetlagorsk als Kind einer alleinerziehenden Mutter auf und machte einen sehr guten Schulabschluss. Aber als junge Frau wusste ich, dass ich mit dem Leben nicht klarkomme. Mich bedrückte die fehlende Perspektive. Das Übliche wäre gewesen: heiraten und Kinder kriegen. Aber konnte das alles sein?! Diese Phase meines Lebens fiel in die Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion, als zusätzlich bisherige Orientierungsrahmen verschwanden. Plötzlich gab es persönliche Freiheit, aber es fehlten das Wissen und die Ressourcen, etwas Gutes damit anzufangen. Ich fühlte mich innerlich sehr leer und suchte etwas, das diese Leere füllen könnte. Das war in der Zeit, als ich durch einen Freund in Kontakt mit Drogen kam. Aus dem anfänglichen Gefallen an den Rauschzuständen entwickelte sich eine Abhängigkeit und die Angst, das Leben ohne Alkohol und Drogen nicht mehr bewältigen zu können. Ich denke, so ging es vielen aus meiner Generation. Von meinen damaligen Bekannten leben heute nur noch wenige. 

Was brachte für dich die Wende?  

Auf meiner Arbeit sagte mir ein ehemaliger Rehabilitand: „Es gibt die Möglichkeit, anders zu leben.” Und ich wollte unbedingt von den Drogen frei werden. Also begann ich, zunächst die ambulante and anschließend die stationäre Therapie im Reha-Zentrum von TOS Dienste International e.V. zu besuchen. Im Therapieprozess verstand ich, dass es nicht allein um die Freiheit von Drogenkonsum geht, sondern auch darum, dass innere Verletzungen und Traumata geheilt werden und schädliches Verhalten verändert wird. Das Reha-Zentrum ist eine christliche Arbeit. So lernte ich Gott kennen. Das war entscheidend für meine Heilung und machte den Weg frei für Neues; denn ich weiß, ich bin trotz allem geliebt und kann sein, wie ich bin. 

Die Prognose, die du vor 25 Jahren für dein Leben gestellt hättest, ist nicht eingetroffen. Wie sieht dein Leben heute tatsächlich aus? 

Ich bin frei von Drogen und Alkohol, habe eine innere Ruhe, und mein Leben ist mit Sinn gefüllt. Man kann sagen, „ich lebe, wozu ich geboren wurde“. Seit 22 Jahren darf ich nun schon in der Reha mitarbeiten und mittlerweile leiten. Die Drogenabhängigen, die zu uns in die Therapie kommen, sind Schätze. Dank meiner eigenen Geschichte kann ich nachvollziehen, was sich in ihnen abspielt, und ihnen helfen.  Es ist nicht immer einfach, aber ich liebe diese Arbeit und das Reha-Zentrum. Mein Wunsch ist, unsere Reha-Plätze weiterhin voll auszunutzen, damit immer mehr Abhängige aus dem Teufelskreis von Sucht, Kriminalität und Krankheit herauskommen und die Drogenrate weiter zurückgeht. Dafür ist es auch notwendig, dass eine neue Generation junger Leute als Mitarbeiter heranwächst.   

Julia, vielen Dank dass du dir Zeit genommen und diese Einblicke gewährt hast.  

Das Interview führte Annegret Cornehl. 

Wenn Sie Interesse an der Arbeit in Weißrussland haben, finden Sie hier weitere Informationen: https://tos-ministries.org/arbeitszweige/drogenabhaengige