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Der stumme David

Der stumme David

Rush Hour in Asunción, Paraguay – ich warte mit meinem Auto an einer roten Ampel, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel sehe, wie jemand auf mein Fahrzeug zugerannt kommt. Aufmerksam schaue ich genauer hin. Es ist ein junger Mann, der wild gestikuliert und mir bedeutet, an den Straßenrand zu fahren und auszusteigen. Worte spricht er nicht. Aus seinem Mund kommen nur einige wenige verzerrte Laute.

Augenblicklich erinnere ich mich. Dieser junge Mann ist David, „der Stumme“. Welch eine Freude, ihn wiederzusehen!

Wir lernten ihn kennen, als wir mit einer Straßenkinderbande arbeiteten. Er schlief auf Sitzbänken und lebte vom Betteln. David war damals elf oder zwölf Jahre alt und taubstumm. Er konnte sich mit den anderen Straßenjungs nur durch Gestikulieren verständigen. Er stand ganz unten in der Hierarchie der Bande. Die anderen machten sich über ihn lustig, behandelten ihn wie Dreck und vergaßen ihn oft. Aber sie duldeten seine Anwesenheit, so dass er bei ihnen blieb, um zu überleben. Allein auf der Straße war er oft zusammengeschlagen worden.
Wir gaben ihm und vielen anderen Straßenkindern einen sicheren Ort zum Schlafen, die Möglichkeit zum Waschen, neue Kleidung und warme Mahlzeiten. Da sein Name unbekannt war, nannten wir ihn David. Auch wenn er den neuen Namen nicht hören konnte, schien es David zu gefallen, dass jemand ihn ernst nahm und sich eine Zukunft für ihn vorstellen konnte.
Eines Tages geschah etwas Schreckliches. Wie aus dem Nichts erschienen einige Polizisten. Sie versprachen den Kindern, sie an einen sicheren Ort zu bringen, aber wie einige der anderen Kinder uns später berichteten, nahmen sie die Kinder in einen Hof mit. Unter ihnen war auch David. Alle mussten sich in einer Reihe aufstellen, sich ausziehen und mit kaltem Wasser abduschen, obwohl es Winter war. David verstand die Anweisung nicht und wusste nicht, was vor sich ging. Keiner hatte die Chance, ihm etwas zu erklären. Er wurde getreten, geschlagen und zwangsgeduscht.
Aber das war nur der Anfang. Ein weiteres Straßenkind berichtete, was danach geschah: „Sie brachten uns in ein anderes Haus und ich dachte, dass es dort besser würde; aber es wurde schlimmer. Wir mussten um 5 Uhr morgens aufstehen, um die Nationalhymne zu singen. Dann mussten wir bis abends mit Macheten Gras schneiden, und wenn jemand müde wurde oder die Hände voller Schwielen waren, bekamen wir Schläge. Im Haus war ein Paar für uns zuständig, das uns wie ihre Sklaven hielt. Wir mussten die Toiletten putzen und wenn es nur einen kleinen Fleck im Bad gab, wurden wir auf unsere Handflächen geschlagen. Wenn wir versuchten, uns zu verteidigen, wurden wir in ;einen anderen Raum gesperrt oder kamen gleich zum Direktor. Wir wussten, wenn man zum Direktor muss, kommt man dort nur misshandelt wieder raus und kann wahrscheinlich nicht mehr laufen.“
David, heute ein junger Mann, kann nicht erzählen, was er danach noch erlebte. Wir vereinbaren, ab jetzt in Kontakt zu bleiben.
In mir löst die Begegnung mit David zwei Reaktionen aus. Zum einen bin ich dankbar, David wieder getroffen zu haben und zu wissen, dass er lebt. Aber genauso bin ich erschüttert, weil ich in ihm die vielen „Davids“ vor mir sehe, deren stummer Schrei noch nicht beantwortet wurde. Ich weiß einmal mehr, wir dürfen nicht aufhören, sie zu suchen und für sie da zu sein!