Bekanntschaft mit dem Banden-Chef

Ecuador Straßenkinder Humanitäre Hilfe

Das Taxi hielt an einer Weggabelung, als gäbe es dort eine unsichtbare Linie. Weiter fuhr das Auto nicht. Die Straßen seien zu schlecht und das Viertel zu gefährlich, hieß es. Den Rest des Weges musste ich mit meinen Begleitern also zu Fuß zurücklegen. Vor uns lag eine hügelige Landschaft, die scheinbar chaotisch mit Hütten aus den verschiedensten Materialien bebaut war.

Dazwischen schlängelten sich Trampelpfade oder breitere unbefestigte Straßen, die teils steil bergauf und bergab führten. 10 Minuten dauerte der kurze Weg zu unseren Räumen, die mitten im Herzen von Balerio Estacio liegen, einem der vielen Armenviertel von Guayaquil. Dort führen unsere Mitarbeiter täglich Angebote für Kinder und Erwachsene des Viertels durch und leiten eine kleine christliche Gemeinde. 
Der Weg führte vorbei an einigen Essensständen, Häusern und Hütten, an etwas, das Ähnlichkeit mit einer Kneipe hatte und an einer halb geöffneten Tür, bewacht von einer Frau. Dahinter verbarg sich ein Billard-Raum, von dem jeder im Viertel wusste, dass man dort auch Drogen und anderes erhalten kann. 
Auf den Anhöhen standen junge Erwachsene mit Funkgeräten, scheinbar zufällig an Wegkreuzungen und wichtigen Punkten positioniert. Sie gehören zu den Drogenbanden, die sich momentan immer stärker in den Vierteln ausbreiten. Sie kontrollieren die Wege und melden, wer das Viertel betritt oder es wieder verlässt. Auch meine Anwesenheit als Ausländerin wurde weitergegeben. Da ich von unseren einheimischen Mitarbeitern begleitet wurde, die im Viertel bekannt sind, hatte ich nichts zu befürchten, obwohl zwei Tage zuvor jemand im Viertel ermordet worden war. 
 
An einem weiteren Tag besuchten wir verschiedenen Personen, die zu unseren Angeboten kommen, und beteten in dieser angespannten Lage für Schutz für ihre Häuser und Familien. 
Als wir auf einer Anhöhe ankamen, packte eine kleine Gruppe Teenager hektisch ihre Sachen zusammen; ein Funkgerät knackte, man spürte auf einmal viel Bewegung in der nahen Umgebung, und plötzlich fuhr ein breitschultriger, dunkel gekleideter Mann auf einem Motorrad vor. Durch die Art, wie die anderen Anwesenden ihm ehrfurchtsvoll Platz machten, war sofort klar, dass er der „Boss“ der Zone war. Was wir dort zu suchen hätten, wollte er wissen. Doch dann entspannten sich seine Gesichtszüge, als er eine unserer Mitarbeiterinnen erkannte. „Ach, ihr betet hier wieder, oder?“ Das war mehr eine Feststellung als eine Frage. Damit war die Situation entschärft, und wir konnten unseren Weg fortsetzen. 

In dieser Umgebung arbeitet unser Team täglich, um den Kindern und Jugendlichen Alternativen zu Drogenhandel und anderen kriminellen Laufbahnen zu bieten. Sie bewegen sich meisterhaft und umsichtig inmitten dieser Gefahren, um den Menschen vor Ort eine Zukunft mit Perspektive zu eröffnen. Das ist ihr und unser Herzensanliegen. Für mich sind sie die Alltagshelden des Viertels. 

Wenn Sie wissen wollen, was unser Projekt in Ecuador ausmacht, können Sie hier nachlesen: https://tos-ministries.org/arbeitszweige/strassenkinder/praeventionsarbeit#c5311