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Hin und weg

Hin und weg

Führungskraft im Job, feste Säule in der Gemeinde, viele Freunde. Nie hätte Ruth Karrer geahnt, dass sie trotz alledem mit Anfang fünfzig noch einmal ein komplett neues Leben im Ausland startet. Im Interview erzählt die ehemalige Vorsitzende von TOS Dienste International e.V. in Deutschland, warum sie diesen Schritt gewagt hat.

TDI: Du bist letztes Jahr nach Paraguay gezogen, um unser Projekt dort zu leiten. Was hat sich durch diesen Wechsel für dich verändert?                                                                                                    Ruth: Nachdem ich mehr als zwanzig Jahre lang unsere internationalen Projekte vom Deutschlandbüro aus begleitet habe, bin ich nun vor Ort mitten im Geschehen. Das Profil meiner Arbeit hat sich stark verändert. Ich mache weniger am Schreibtisch, arbeite dafür wieder mit Kindern, lerne ständig neue Leute kennen, baue Freundschaften zu den Menschen hier. Neben Sprache und Kultur ist neu, dass ich hier im Transformatorenhaus mit einem Team und mit Leuten aus Paraguay zusammen lebe. Ich sehe einen großen Gewinn darin; denn so kann ich sie und ihre Kultur wirklich kennenlernen und verstehen, wie sie denken.

TDI: Du hast in Deutschland die Zelte abgebrochen, weil dich Paraguay „gepackt“ hat. Wie kam es dazu?  Ruth: Das war, als ich 2018 nach Asunción flog, um die Restrukturierung unseres Projektes hier zu koordinieren. Eigentlich sollte es lediglich ein mehrwöchiger Aufenthalt sein. Aber in der Zeit ist etwas mit mir passiert, das in mir den Wunsch geweckt hat, nach Paraguay umzuziehen. Es war, als hätte ein Pfeil mein Herz durchbohrt. Danach hatte ich zum ersten Mal den Gedanken: „Was wäre, wenn ich langfristig hierblieben könnte, um mein Leben mit den Menschen zu teilen?“

TDI: Gab es bestimmte Schlüsselsituationen für deine Entscheidung?                                                Ruth: Ja, die gab es. Ein maßgeblicher Moment bei meinem Aufenthalt 2018 war die Begegnung mit einem Teenager, der auf der Straße lebte. Als Christin erzählte ich ihm von der biblischen Geschichte des verlorenen Sohnes, in der sich der Vater überschwänglich darüber freut, dass sein Kind zu ihm nach Hause zurückkehrt. Der Teenager erwiderte darauf: „Wie? Der Vater hat sich gefreut, dass der Sohn zurückkommt?!“ Mich hat in diesem Moment erschüttert, wie er denken kann, dass Gott oder jemand anderes so wenig Interesse an ihm hat. Außerdem hat mich die grenzenlose Freude überwältigt, mit der die Kinder das Kinderprogramm mit Spiel, Musik und einer kleinen Mahlzeit genossen.

TDI: Mit dir nahm ein neues Team die Arbeit in unserem Transformatorenhaus in Asunción auf. Kannst du rückblickend schon erste Auswirkungen feststellen?                                                                                  Ruth: Ja; das Leben von Kindern, die gar nicht wissen, was für einen Wert sie eigentlich haben, hat sich verändert. Das vielfältige Angebot sowohl für Kinder als auch Familien wird stark genutzt. Seit März verteilen wir Lebensmittelpakete an bis zu 900 Familien pro Woche, da sie durch Corona nichts mehr zu Essen hatten. Die Zeit und Hilfe, die wir investieren, lassen sich vielleicht nicht immer in zählbaren Resultaten messen, aber sie verändern. Zuhause werden die meisten Kinder entweder nicht beachtet oder in einigen Fällen sogar geschlagen, haben manchmal nichts zu essen und erfahren in der Schule keine Förderung. Im Transformatorenhaus haben wir einige junge Erwachsene aufgenommen, die sich seitdem stark stabilisiert haben. Wir können ihnen im Alltagsleben Tag für Tag zeigen, dass sie einen riesigen Wert und eine Zukunft haben. Hier haben viele Menschen das Lebensgefühl: „Es hat noch nie funktioniert; warum sollte es jetzt klappen?“ Unser Ziel ist, den Menschen zu vermitteln, dass es einen Sinn für ihr Leben gibt und sie merken: „Ich habe Potential. Was ich bin und was ich habe, ist für dieses Land wichtig, oder damit kann ich einen Unterschied in meiner Familie machen.“ Das vermitteln wir eigentlich permanent, auch mit allem was wir praktisch tun.

TDI: Hat sich dein Umzug nach Paraguay gelohnt?                                                                            Ruth: Es hat sich absolut gelohnt. Trotz aller Herausforderungen weiß ich, dass ich genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. Ich habe meine Arbeit immer mit der Überzeugung getan, dass das, was wir tun, wirklich Menschenleben verändert. Jetzt hier zu sein, hat diese Vision noch einmal in einer ganz neuen Art und Weise mit Leben gefüllt. Mir ist wichtig zu sagen, dass Unterstützer dieser Arbeit nicht einfach nur etwas Gutes tun. Ihre Hilfe ist von unschätzbarem Wert. Im Alltag Woche für Woche Leben zu verbessern, ist so unheimlich kostbar.

TDI: Vielen Dank für das Interview

Das Interview führte Annegret Cornehl

 

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